Flasche leer!: Das Premium-Cola-Kollektiv aus syndikalistischer Sicht

Premium Cola gilt in linken Kreisen als „gute“, politisch vertretbare Cola. Als jedoch vor einiger Zeit ein ehemaliger Mitarbeiter von Premium Cola, der bei dem Kollektiv fristlos entlassen wurde, sich aufgrund der Entlassung an die FAU Freiburg wandte, hat sich das Freiburger Syndikat den Betrieb einmal etwas genauer angeschaut.

Premium entstand 1999 als Interessengemeinschaft enttäuschter Afri-Cola-KundInnen, die eine Rückkehr zur alten Afri-Cola-Rezeptur erkämpfen wollten. Als ihnen dies nicht gelang, setzten sie sich kurzerhand ein neues Ziel: eine richtig gute Cola selbst zu produzieren und zwar ohne Gewinnabsicht oder Ausbeutung und unter Einbeziehung aller am Produkt beteiligten Menschen, also HerstellerInnen, LieferantInnen und KonsumentInnen. Kurzum: die Vereinbarkeit von Markt und Moral. Um all das zu gewährleisten wurde das „Premium-Betriebssystem“ entwickelt, das aus etwa 50 Modulen besteht und dessen Kern eine Konsensdemokratie aller Beteiligten ist. Alle Module des Betriebssystems sind öffentlich. Es kann und soll von anderen Gruppen kostenlos kopiert werden. Als „virtuelle Firma“ ohne festen Ort produziert Premium die Getränke nicht selbst, sondern organisiert die Produktion und den Vertrieb durch ganz normale, wenn auch ausgesuchte, Firmen. Die knapp hundert Aktiven kommunizieren und entscheiden über eine gemeinsame Mailingliste. Das funktioniert erstaunlich gut und zeigt, dass sich mit viel Engagement auch ein Getränk von LiebhaberInnen für LiebhaberInnen auf dem Markt behaupten kann, ohne sich allzu sehr kapitalistischen Zwängen beugen zu müssen.

Aus syndikalistischer Sicht ist dieses Projekt aber leider nicht über eine Art LiebhaberInnen-Selbstverwaltung hinausgekommen. Als Ausgangspunkt für eine libertäre Ökonomie kann es in seiner heutigen Form aus mehreren Gründen nicht dienen. So wird beispielsweise auf das klassische Mittel zur Vermeidung informeller Hierarchien, die zwingende Rotation von wichtigen Aufgaben, bewusst verzichtet. Das habe sich im Alltag so bewährt. Auch bei der Entlohnung wird der Anspruch, dass jede Arbeit gleich viel wert ist, nicht konsequent durchgezogen. Es existiert zwar ein Einheitsstundenlohn für die Tätigkeiten bei Premium. Die VertreterInnen, auch „SprecherInnen“ genannt, erhalten allerdings eine klassische Verkaufsprovision. Aus gewerkschaftlicher Sicht ist vor allem das Modul „Handschlag“ des Betriebssystems problematisch: Schriftliche Verträge sollen danach möglichst vermieden werden. Dies betrifft anscheinend nicht nur die Liefer-, sondern auch die Arbeitsvereinbarungen. So gibt es beispielsweise keine verbindlichen Regelungen für Lohnfortzahlungen im Krankheitsfall. Diese müssen daher immer wieder individuell angefragt werden. Generell werden die Aktiven bei Premium wie Selbständige vergütet, so dass keinerlei Sozialleistungen gezahlt werden. Die Höhe des Einheitsstundenlohns kommt daher nach Abzug von Altersvorsorge und Krankenversicherung der Selbstausbeutung doch sehr nahe.

Am kritischsten ist aber wohl die rechtliche Konstruktion von Premium. Auch wenn sich Premium gerne als Kollektiv bezeichnet, so ist es strukturell gesehen nur ein „informelles“ Kollektiv. Das Unternehmen sowie die Markenrechte gehören dem „zentralen Organisator“ Uwe Lübbermann persönlich. Und auch die Konsensdemokratie wird eingeschränkt, wenn Uwe Lübbermann findet, dass sich das Kollektiv selbst hemmt. Dann kann er das Modul „Notentscheidung“ anwenden und alleine entscheiden. Auch wenn diese formellen Hierarchien klar als solche benannt werden und somit transparent sind und auch momentan nicht zur Anwendung kommen, so ist doch schon ihre bloße Existenz problematisch. Denn „den Keim einer neuen Gesellschaft“ tragen nur Gruppen in sich, deren formelle Strukturen möglichst exakt ihren emanzipatorischen Vorstellungen und revolutionären Ansprüchen entsprechen. Eine reine Alltagstauglichkeit ist hier zu wenig. Nur wenn die Strukturen den alltäglichen Anforderungen einen Schritt voraus sind, können sie mit Recht als progressiv bezeichnet werden. Und das gilt natürlich nicht nur für Limonaden-Kollektive sondern auch und ganz besonders für syndikalistische Gewerkschaften.

Quelle: Direkte Aktion

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