Der Jahresbericht 2020 der FAU Freiburg: Corona, Corona, Corona? Nein!

– rdl.de weltweite Solidarität, Uni-Mensen und Kampf um Tariferhöhungen Die FAU-Freiburg: Ein Jahresrückblick 2020

2020 war bestimmt durch die globale Pandemie. Man könnte meinen, der rechte Terror in Hanau, die Klimakrise oder die aussichtslose Lage von Geflüchteten an den europäischen Außengrenzen seien aus einer anderen Zeit. Der Fokus lag auf einem Thema: Corona. Dabei blieben andere Probleme aktuell und spitzten sich teilweise zu.

Berufe von der Pflege über den sozialen Sektor bis zur Lebensmittelversorgung & Logistik sind nun „systemrelevant“. Über die Arbeitsbedingungen in diesen Sektoren wurde diskutiert, die Arbeiter*innen beklatscht – und am Ende dürfen sie trotzdem die Kosten der Pandemie tragen, sind weiterhin prekär beschäftigt, arbeiten oft am Limit und erkranken wesentlich häufiger an Corona. Die Pandemie ist dabei nicht die Ursache vieler seit langem bestehender sozialer Ungleichheiten, sondern hat diese verschärft. Dieser Prozess wird weitergehen, insbesondere auch nach der Pandemie.

Dabei gibt es nun teilweise auch ein neues Bewusstsein dafür, dass plötzliche Veränderungen möglich sind. Das zeigt sich für die FAU Freiburg durch die vielen neuen Mitglieder, die in diesem Jahr beigetreten sind. Auch bundesweit steigt das Interesse an der FAU, zum Beispiel durch die erfolgreiche Unterstützung des Arbeitskampfs von Saisonarbeiter*innen in Bornheim.

Mensa, Dragon-Sweater und weltweite Solidarität

Mit dem Beginn der Pandemie ließen auch die ersten Kündigungswellen nicht lange auf sich warten. So kündigte das Studierendenwerk über 100 Minijobber*innen der Uni-Mensen, darunter auch einem Mitglied der FAU Freiburg. Gemeinsam konnten wir vor dem Arbeitsgericht eine Abfindung erstreiten. Die Situation vieler Minijobber*innen ist nach wie vor besonders prekär, während der Krise ist das erst recht skandalös, da sie weder Anspruch auf Kurzarbeitergeld und als Student*innen auch keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld haben.

Weltweit werden die Kosten der Corona- Krise auf dem Rücken der Arbeiter*innenklasse ausgetragen, zum Beispiel in Bangladesch. In dessen Hauptstadt Dhaka wurden in der Dragon-Sweater-Textilfabrik viele Arbeiter*innen illegal gekündigt und ausstehende Löhne nicht gezahlt. Es gab zahlreiche internationale Solidaritätsaktionen, u.a. durch die International Confederation of Labour. Auch die FAU Freiburg organisierte Kundgebungen vor Filialen von New Yorker und Lidl, die Produkte von Dragon Sweater bezogen haben. Mit Erfolg: Nach Monaten des Kampfs konnten die Arbeiter*innen einen Sieg erringen und einem Großteil von ihnen wurden ausstehende Löhne gezahlt!

Gründung der AG Soziale Arbeit

Mitglieder der FAU Freiburg aus dem sozialen Bereich berichten von Verschlechterungen ihrer Arbeitsbedingungen aufgrund der Corona-Pandemie. Da nur Stunden bezahlt werden, die aktuell an Klient*innen geleistet werden können, mussten die Arbeiter*innen während des ersten Lockdowns Gehaltsschwankungen hinnehmen. „Es fühlt sich ein bisschen an wie Tagelöhnerei“, berichtet eine der betroffenen Personen.

Außerdem kündigte die Stadt Freiburg an, die (minimale) Tariferhöhung nicht wie bisher üblich direkt an die Träger weiterzuleiten. Stattdessen sollen diese ihre Kosten selber erwirtschaften, das heißt: erhöhte Kita-Beiträge für Eltern oder Stellenstreichungen und damit noch mehr Stress und Arbeitsverdichtung.

Wir kämpfen gegen diese Abwälzung der Corona-Kosten auf die Arbeiter*innen im Sozial- und Erziehungsbereich und darüber hinaus. Dazu haben wir dieses Jahr innerhalb der FAU Freiburg die AG Soziale Arbeit gegründet. Die sowieso schon schlechten Arbeitsbedingungen im sozialen Bereich sind durch die Krise nicht besser geworden. Aufgabe muss es hier sein, das mit Druck von Unten, von den Beschäftigten zusammen mit sozialen Bewegungen, die Krise nicht noch mehr zulasten der Beschäftigten aber auch der Klient*innen geht.

Lesekreis und Beratung

Zusammen mit dem Arbeitskreis kritische Sozialarbeit haben wir einen Lesekreis zum betrieblichen Organizing mit regelmäßigen Treffen durchgeführt. Wir haben das Buch „Geheimnisse einer erfolgreichen Organizerin“ gemeinsam erarbeitet, das einige Inspirationen für zukünftige Aktionen und Arbeitskämpfe bot. Wir haben auch noch an diversen arbeitsrechtlichen Schulungen teilgenommen und wie jedes Jahr eine Einführungsveranstaltung zur Arbeit der FAU organisiert.

Nach dem Beginn der Pandemie haben wir gemeinsam mit dem Bündnis Corona-Solidarität Freiburg eine gewerkschaftliche Telefonberatung ins Leben gerufen, welche wir auch im kommenden Jahr wieder anbieten und ausbauen wollen.

Wir konnten einer Minijobberin bei einem Konflikt mit ihrem Chef unterstützen. Außerdem unterstützten wir einen tschechischen Arbeitsmigranten, der nach eigener Aussage in einem Luxushotel um seinen Lohn geprellt wurde.

Nach der Gesundheitskrise kommt die Wirtschaftskrise. Deren Bewältigung und die sozialen Folgen werden die nächsten Jahre prägen. Für uns bleibt klar: Der einzige Weg dagegen ist Solidarität – miteinander und mit denen, die von der Krise am härtesten getroffen werden. Werdet Mitglied in der FAU! Wir freuen uns immer über neue Gesichter.

Von folgenden unserer Veranstaltungen aus dem Jahre 2020 gibt es auch Audio Beiträge/Mitschnitte

Zur Geschichte und Gegenwart des politischen Streiks in der Bundesrepublik

Umkämpftes Wohnen – Neue Solidarität in den Städten

Links der Linken – Sam Dolgoff und die radikale US-Arbeiterbewegung

[ssba]